„Wenn die Eskalation ausbleibt.“ – Ein Interview mit dem Autor Stefan Wipplinger

Next Liberty Kindertheater in Graz_Portraitfoto Autor Stefan Wipplinger © Wolfgang Rappel

„Wenn die Eskalation ausbleibt.“
Ein Interview mit dem Autor Stefan Wipplinger

Lieber Stefan, das Stück KRI ist ihm Rahmen des Retzhofer Dramapreises entstanden, d. h. du hast ein Jahr lang an dem Text gearbeitet und dich dazwischen immer wieder mit anderen Autor:innen darüber ausgetauscht – wie war dieser (gemeinsame) Prozess für dich?
Ganz schön, einige Kolleg:innen kannte ich schon. Ich finde es immer sehr angenehm zu erleben, wenn für den Prozess der Wettbewerb kaum eine Rolle spielt. Die Theaterökonomie macht Autor:innen eher zu Eigenbrötler:innen und in der Isolation kann die Konkurrenz um Teilhabe oft quälend sein.
Im Lesen und im Textgespräch erlebe ich fast immer eine überwältigende Wertschätzung der Arbeit der anderen. Alle nehmen jeden Text gleich ernst, auch wenn natürlich nicht jeder Text gleichermaßen zu einem spricht. Wir beschreiben, stellen Fragen, versuchen aus der Welt des Textes heraus zu sprechen.
Mit „Kri“ bin ich gefühlt immer hinterhergehinkt und die Treffen haben mich motiviert, immer auf den letzten Drücker noch etwas zu produzieren, das ich mitbringen kann.

Dieses Mal haben auch Jugendliche als Expert:innen die Textentwicklung begleitet, den Autor:innen immer wieder als Mentor:innen Feedback gegeben. Wie war dieser Input für dich?
Für mich war dieser Teil das Beste am Retzhofer Dramapreis. Ich hatte schon öfter die Gelegenheit während eines Schreibprozesses zum Beispiel Schulklassen zu treffen, um bereits Geschriebenes zu „testen“ oder über Figuren, Thema und Geschichte zu sprechen. Aber noch nie mit einer dermaßen klugen, offenen, interessierten Gruppe, die nicht nur verblüffend versiert über Theater und Sprache nachdenkt, sondern binnen kürzester Zeit eine Gesprächskultur über Leseeindrücke entwickelt, die ich bei Theaterprofis nicht nur manchmal, sondern fast immer vermisse. Wirklich, Hut ab vor den Young Experts! Sie haben Kri auch sofort ins Herz geschlossen und zu meiner Überraschung sich nicht nur für ihre Provokation, ihr Hinterfragen und ihre Autonomie stark gemacht, sondern gerade auch eine gewisse schwere, bittere Note, die ihren Monologen anhaftet. Das hat mich sehr berührt.

Die Ausgangssituation ist ebenso einfach wie spannend: Eine Jugendliche zieht auf eine Bushaltestelle. Wie bist du auf die Idee dazu gekommen?
Ebenso einfach oder komplex wie Natürliches wächst, würde ich sagen. Zuerst war da ein anderes Stück, und da blieb etwas übrig, als ich damit fertig war – und zwar eine Figur, eine Herumtreiberin. Die hat dann erst ein paar Jahre in meinem Kopf gewohnt und sich verwandelt und irgendwann wieder auf sich aufmerksam gemacht. Und das war, als ich bei einem Urlaub an der Ostsee an eben so einem Wartehäuschen vorbeigekommen bin. Einmal tagsüber – und dann noch einmal nachts als gerade eine riesige Eule von einer Straßenlaterne daneben abhob. In dem Moment, glaub ich, hat Kri angefangen zu einem Theaterstück werden zu wollen. Aber natürlich komme ich auch selbst aus so einem Dorf und hab dementsprechend ambivalente Gefühle dazu.

Bist du einmal von zuhause ausgerissen?
Nein, nie. Aber die Held:innen die das in Geschichten getan haben, habe ich immer sehr bewundert.

Könntest du dir vorstellen, längere Zeit im Freien zu leben?
Ja, schon. Vielleicht nicht gerade in einem Wartehäuschen. Aber jeder hat ja so einen mehr oder weniger lauten Teil in sich, der gern in einer Hütte im Wald leben würde. Und meiner ist zwar nicht so dominant, dass ich das jemals wirklich tun würde, aber ich hör ihm gerne zu, wenn er sich hin und wieder meldet und stärke mich daran, dass die Vorstellung mir überhaupt keine Angst macht.

Die Figur der Kri ist faszinierend, ja, richtig mysteriös – man weiß kaum etwas über sie, was viel Spielraum für Spekulationen gibt. Was macht sie so interessant – gerade für die jungen Zuschauer:innen? Wie würdest du sie charakterisieren?
Mir war es wichtig, dass der Text sie nicht preisgibt. Genauso viele Möglichkeiten und Geschichten wie mir eingefallen wären ihr anzudichten, sollen auch den Leser:innen und Zuschauer:innen durch die Köpfe gehen. Alles, was zu konkret wurde, musste wieder weg. Und ich werde den Teufel tun sie jetzt durch meine Beschreibung preiszugeben. 😉

Was fasziniert dich an Krähen?
Vieles, am meisten wahrscheinlich ihr schlechter Ruf. Sie sind völlig harmlos und haben doch ein schlechtes Image, sind den Menschen unheimlich. Denn einerseits tun sie Dinge, die wir uns nicht erklären können, weder wie noch warum, andererseits sind sie immer in der Nähe. Sie sind äußerst einfallsreiche und kreative Wiederverwerter. Sie bauen Beziehungen und soziale Netzwerke auf, sondern sich aber auch von der Gruppe ab. Sie testen Grenzen aus und sind gewissermaßen immer „furchtlose Fremde“, immer zur Interaktion und Kooperation bereit, wo sie in erster Linie Gefahr erwarten müssen.

Im Dorf Hintertupfing gibt es viele unterschiedliche Meinungen und Stimmen zu diesem „Fremdkörper“ – viele bleiben anonym, manche werden genauer charakterisiert. Sind dir Bewohner:innen besonders wichtig, ans Herz gewachsen?
Mir war bei diesem Stück vor allem ein kommunikativer Moment bei allen Figuren wichtig, für den ich eine eigenartige Sympathie entwickelt habe: Was machen Menschen, wenn ihre Feindseligkeit im Gegenüber nicht wie erwartet Feindseligkeit hervorbringt? Wenn die Eskalation ausbleibt. Mich rührt es, wenn dann ihre Unbeholfenheit sichtbar wird, ihre zaghafte Neugier … Keine von ihnen wird durch die Begegnung mit Kri ein:e Andere:r, aber wenigstens blitzt vielleicht eine Möglichkeit auf, wie sie noch sein könnten – als Einzelne und als Gemeinschaft.

Würdest du gerne in einem Dorf leben?
Eigentlich nicht. Ich würde gerne in einer kleinen Gemeinschaft ein Haus auf dem Land bewohnen, das schon. Wenn es so etwas für mich gäbe, dann hätte ich auch nichts gegen ein Dorf drumherum oder in der Nähe.

Sag, gibt es etwas, was du nicht mehr brauchst, das du Kri für ihre Haltestelle bringen könntest?
Das ist die beste Frage zum Abschluss, wow! Vieles! Aber ich glaube ich würde mir Sorgen machen, dass es auch für sie nur Ballast wäre, daher … würde ich sie wahrscheinlich eher fragen, was sie braucht? Aber das ist keine gute Antwort, lass mich nochmal ein paar Jahre überlegen … Vielleicht ist es ja das, was übrigbleiben muss, damit ein neues Stück entstehen kann.

Foto (c) Wolfgang Rappel