Im Gespräch mit Regisseur Michael Schilhan

IM GESPRÄCH MIT REGISSEUR

„FANTASIE BIRGT DIE CHANCE, UNSERE WELT BESSER ZU MACHEN.“

Lieber Michi, „Die Unendliche Geschichte“ ist 1979 zum ersten Mal erschienen und zählt bis heute zu einem DER Klassiker der Jugendliteratur. Was macht diese Geschichte so zeitlos?

Ihre Zeitlosigkeit liegt in der Sprache, der Symbolkraft und den liebenswerten Figuren. Michael Endes Roman ist längst Allgemeingut geworden – wie die „Odyssee“, „Die Zauberflöte“ oder das Gilgamesch-Epos. Seit 50 Jahren spricht er Menschen jeden Alters in ihren innersten Sehnsüchten an und stellt die ewige Frage: Wer bin ich?
Die Geschichte macht Hoffnung in unsicheren Zeiten. Literatur und Theater eröffnen uns verschiedene Welten: Wir können in Geschichten eintauchen, über unser eigenes Leben nachdenken und andere Perspektiven kennenlernen und dabei Spaß haben, wie sich die Handlung entwickelt.  Entwicklung bedeutet dabei, sich aus Verwicklungen zu lösen, sich zu verändern und neue Möglichkeiten zu entdecken.

Warum ist es dir wichtig, die Geschichte gerade jetzt auf die Bühne zu bringen? Ist Phantásien wieder in Gefahr?

Ja, Phantásien ist wieder in Gefahr. Der Stellenwert der Fantasie in unserer Gesellschaft hat sich verändert und wird von der Unterhaltungsindustrie zunehmend vereinnahmt. Kinder kommen immer früher mit elektronischen Geräten in Kontakt, die ihre eigene Fantasie verdrängen können. Fantasie entsteht von innen und birgt die Chance, unsere Welt besser zu machen. Das zweckfreie Tun wird immer mehr zurückgedrängt. Mit unserer Aufführung wollen wir gemeinsam mit dem Publikum innehalten und in einen Austausch treten. Theater und Lesen setzen der immer größer werdenden Geschwindigkeit etwas entgegen: Sie schaffen Raum für Erinnerung, Hoffnung und neue Perspektiven.
Zugleich geht es um Verantwortung für unser Handeln. Das Theater kann uns darin bestärken, über den eigenen Vorteil hinauszudenken. Der Philosoph Hans Jonas formulierte es so: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Herr Koreander sagt, dass jeder vernünftige Mensch schon einmal in Phantásien war. Klingt das nicht wie ein Widerspruch?

Ich glaube, der Widerspruch klingt nur so. Vernunft und Fantasie schließen einander nicht aus, sondern brauchen sich gegenseitig. Die Brücke zwischen ihnen ist die Sprache – in Zeichen, Lauten oder Gesten. Isaac Newton, einer der großen weltverändernden Geistesgrößen, war auch Alchemist, glaubte an Wahrsagerei, an Voodoo-Zauber und fand trotzdem den Schlüsselgedanken zur Gravitationstheorie. Wir brauchen die Vernunft, um Phantásien zu erkennen und uns auf das Land einzulassen. Ein gutes Buch zu erwerben, ob gekauft oder geliehen, ist eine Vernunfthandlung.

Mit Atreju und Bastian gibt es ja sogar zwei heldenhafte Figuren, die sehr unterschiedlich sind und sich doch ergänzen. Was zeichnet sie aus? Was macht sie letztlich zu Held:innen?

Bastian wird in der Realität wenig zugetraut. Durch Literatur und Freundschaft gewinnt er den Mut, seine Ängste zu überwinden. Das Buch wird für ihn zunächst zu einem geschützten Ort, durch die Geschichte aber wird er stärker und selbstbewusster. Zum Helden wird er, weil er Verantwortung übernimmt und sein eigenes Sein für eine Gemeinschaft und für die Kindliche Kaiserin aufs Spiel setzt.
Atreju ist gewissermaßen das Spiegelbild von Bastians Wünschen. Er muss Phantásien retten, reist durch eine gefährliche und zugleich fantastische Welt und sammelt dabei wichtige Erfahrungen. Begegnungen, Verluste und die Übernahme von Verantwortung lassen ihn reifen.
Beide müssen schließlich den letzten Schritt allein gehen. Ihre Geschichte ist eine Initiation: Für Erwachsene ebenso wie für Kinder.

In der Bühnenfassung findet Bastian Zuflucht in einem Theater, wo er das Buch entdeckt. Welchen Einfluss hatte dieser Schauplatz auf Bühne und Kostüme?

Das Bühnenbild von Alexia Redl nähert sich dem Werk mit starker Symbolik und einer bewussten Reduktion der Schauplätze. Bühne und Kostüme und Maskenbild folgen einem durchdachten Farbkonzept. Die große technische Herausforderung besteht darin, von einem Ort zum nächsten zu gelangen – genau wie bei den Figuren. Auch dafür braucht es Vernunft und Fantasie und viele helfende Hände hinter der Bühne.
Ausgangspunkt ist die Hinterbühne eines Theaters nach dem Ende einer Vorstellung – also jener Raum, den das Publikum normalerweise nicht zu sehen bekommt, außer im Rahmen einer Theaterführung. Für die Zuschauer:innen eröffnet sich dadurch eine ungewohnte Perspektive: Der Raum wird gewissermaßen gedreht und das Publikum befindet sich unmittelbar im Geschehen.
Die schlichte blaue Drehbühne – Blau steht für Vernunft und das Geheimnisvolle – lässt viel Raum für die Fantasie des Publikums. In einigen Szenen begegnen uns auch Gegenstände aus dem Alltag und es entstehen surreale Räume. Sie regen mit interessanten Lichtstimmungen, dazu an, mit vertrauten Dingen das eigene Phantásien zu erschaffen. Darin können wir viel von Kindern lernen.
Vieles dreht und bewegt sich. Grundsätzlich ist auf der Bühne und an den Dingen, die sich auf ihr befinden, alles rund. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Wir verwenden nur wenige Requisiten; die Schauspieler:innen stehen auf dieser blauen Agora ganz auf sich gestellt. Die fantasievollen Kostüme unterstützen die Figuren in ihrem Spiel und verraten manchmal mehr über deren Zukunft, als sie selbst wissen.
Wir verbinden alte Techniken wie Puppenspiel, Drehbühne und Schauspiel mit zeitgenössischer Videotechnik. Wer genau hinsieht, kann Bühnentechniken und Formen des Schauspiels entdecken, die von 500 vor Christus bis in die Gegenwart reichen.
Im Zentrum aber stehen die Geschichte und die Schauspieler:innen.

Viele werden überrascht sein, dass sich am Ende nicht 20 Personen verbeugen …

Neun Personen erschaffen auf der Bühne ein ganzes Universum. Das Schauspiel-Ensemble wird vom italienischen Puppenspieler Manfredi Siragusa unterstützt, die estnische Puppenbauerin Andra Siragusa sowie der Videokünstler Michael Bachhofer erwecken um sie Phantásien.
Unsere Künstler:innen kommen aus sechs verschiedenen Nationen und bringen unterschiedliche theatralische Zugänge mit. Theater entsteht durch gemeinsames Denken. Die jüngste Mitwirkende, Johanna, ist 12 Jahre alt und ist in einer Tonaufnahme zu hören, der älteste Künstler, Àndras, ist 80 Jahre alt. Gerade diese Altersspanne in unserem Ensemble hat Symbolkraft. Das Theater (sagen wir ruhig: Phantásien) ist ein Ort, wo das Alter aufgehoben ist. Wir haben kein Alter. Diese Beobachtung fasziniert mich schon seit über 40 Jahren, das so etwas sein kann und darf.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Musiker Reinhold Kogler? Was war dir bei der Musik wichtig?

Unsere Stücke werden grundsätzlich von eigens komponierter Theatermusik begleitet. Graz bietet dafür eine beeindruckende Vielfalt an Musiker:innen. Reinhold Kogler bezeichnete seine Komposition als sein „Opus Magnum“. Er entwickelte die Musik eng aus der Probenarbeit heraus. Sie verbindet Elemente aus Jazz und Rock mit der Zwölftontechnik der Zweiten Wiener Schule. Dadurch entsteht ein Gefühl von Unendlichkeit – die Musik lässt keinen endgültigen Schluss zu: eine „Unendliche Geschichte“.
Jede Figur hat ihr eigenes Thema. Die Musik drängt sich nicht in den Vordergrund und wirkt nicht manipulativ, sondern eröffnet Klang- und Denkräume. Sie kann sogar selbst zum Raum werden.
Mir ist außerdem wichtig, darauf hinzuweisen, dass Komponist:innen von solchen Aufträgen leben. Theater sollte eine Verbindung verschiedener Kunstdisziplinen sein und nicht mit billiger Musik aus der Konserve arbeiten.

Das Stück endet mit Bastians Auftrag, das untergegangene Phantásien wieder aufzubauen – der ideale Cliffhanger bzw. eine gute Motivation, das Buch zu lesen oder sich selbst zu fragen: Wenn ich diese Chance und diese Verantwortung hätte – wie würde mein Phantásien aussehen? Was würdest du darauf antworten?

Phantásien wäre ein Ort der persönlichen Entfaltung – ein Ort, an dem das „Nichts“ durch respektvolle gemeinsame Arbeit verhindert wird. Unser Theater kommt diesem Ort bereits sehr nahe.

Das Interview führte die Produktionsdramaturgin Dagmar Stehring.